Wernigerode im Jahr 1923

  • In Wernigerode existiert eine aktive Ortsgruppe des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Der 1888 gegründete deutschlandweit tätige Arbeiter-Samariter-Bund ist eine unabhängige Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation, die historisch auf Initiative von Arbeitern und Handwerkern zur Selbsthilfe und im Bereich der Unfallrettung zurückgeht.

Ortsgruppe Wernigerode des Arbeiter-Samariter-Bundes
- Mahn-und Gedenkstätte Archiv
Ortsgruppe Wernigerode des Arbeiter-Samariter-Bundes - Mahn-und Gedenkstätte Archiv
alte Ansichtskarte des "Gerlitzhauses"
- Stadtarchiv Wernigerode PK III 0154
alte Ansichtskarte des "Gerlitzhauses" - Stadtarchiv Wernigerode PK III 0154
  • Die Versorgung mit Lebensmitteln wird immer prekärer. Am 8. August strömen in die "Butterzentrale in der Breiten Straße" hunderte aufgebrachte Einwohner, " von denen jeder zuerst Butter haben" wollte. Ein herbeigerufener Polizeibeamter sorgte dafür, dass ein geordneter Verkauf möglich war.

    Dieses Vorkommnis veranlasst Bürgermeister Reichardt eine Besprechung im "Weißen Hirsch" zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung einzuberufen.

  • Am 8. und 9. September herrschen in Wernigerode bürgerkriegsähnliche Verhältnisse, über die in der Presse deutschlandweit berichtet wird. Trotz polizeilichen Verbotes eines Aufmarsches zum sogenannten "Deutschen Tag" der eigentlich verbotenen ultrarechten "Mitteldeutschen Arbeiterpartei" sind mit der Bahn Hunderte angereist. Gleichzeitig versammeln sich in der Nacht vom 8. zum 9. September am "Monopol" 1500 Arbeiter, die sich in einer aufgeheizten Stimmung den Stahlhelmern und Nationalisten entgegenstellen. "Nur der ausgezeichneten Disziplin des Republikanischen Sicherheitsdienstes und der überlegenen Ruhe des Gewerkschaftsvorsitzenden Jonas ist es zu verdanken, dass die Leute vom Stahlhelm nicht glatt vernichtet worden sind und ein größeres Blutbad nachfolgte".

    Wernigeröder Tageblatt - Wernigeröder Tageblatt - Volksblatt für die werktätige Bevölkerung des Harzes - Amtlicher Bericht über die Vorgänge in Wernigerode am 8. und 9. September
  • Die Löhne in den Betrieben der Stadt werden regelmäßig der galoppierenden Geldentwertung im Deutschen Reich angepasst und täglich an die Lohnempfänger ausgezahlt. Diese sind bemüht, das Geld für den Konsum am gleichen Tag in den Geschäften auszugeben.

    Zum Beispiel erhöht sich der wöchentliche Bezugspreis der Tageszeitung "Wernigeröder Tageblatt" von 30 Millionen Reichsmark in der zweiten Oktoberwoche auf 105 Millionen Reichmark in der dritten Oktoberwoche.

  • Die Not der Bevölkerung, insbesondere der Arbeitslosen, nimmt dramatische Formen an. Ab 1. November verständigen sich Geschäftsleute in Nöschenrode und stellen unentgeltlich Lebensmittel zur Verfügung. Als erste spenden die Bäckermeister Kupfer, Blumeier, Wiecker, Liesmann und Querfurt je 10 Brote. Dieser Aktion schließen sich sehr viele Geschäftsinhaber in Wernigerode und Hasserode an und spenden Kartoffeln, Kakao, Nudeln, Mehl u.a.

  • Am 30. Dezember wird auf einer kleinen Schanze im Bibenstal am Armeleuteberg der erste Wernigeröder Sprunglauf ausgetragen.