Konrad Breitenborn "Tage zwischen Hoffnung und Angst - Der 17. Juni 1953 im Kreis Wernigerode" 2013

  • Zum 70. Geburtstag des sowjetischen Führers Stalin am 21. Dezember finden in allen großen Wernigeröder Betrieben Huldigungsfeiern statt. Auch die Stadtverordneten von Wernigerode und die Abgeordneten des Landkreises Wernigerode versammeln sich zu einer gemeinsamen "Feierstunde", um Stalin "in Liebe und Verehrung zu gedenken". Im Rathaussaal preist der Festredner den "Führer des Sowjetvolkes" als "bedeutendste politische und menschliche Persönlichkeit der Gegenwart".

    Seine Worte gipfeln in der beschwörenden Botschaft: "Wir grüßen Generalissimus Stalin mit dem heißen Wunsch, dass ihm noch viele Jahre bester Gesundheit und voller Schaffenskraft beschieden sein mögen. Es lebe Stalin, der beste Freund des deutschen Volkes."

  • Am späten Nachmittag des 17. Juni wird die Volkspolizei Wernigerode und die Kreisdienststelle des MfS durch die Kaderleitung des Elektromotorenwerks darüber informiert, dass Arbeiter verschiedener Abteilungen beabsichtigen, am nächsten Tag "einen Schweigemarsch in der Innenstadt mit Transparenten" mit den Aufschriften "HO-Preise senken - Weg mit der Regierung - Wir wollen Einheit" durchzuführen.

  • Der sowjetische Kreiskommandant verfügt die Verhängung des Ausnahmezustandes. "Zur Gewährleistung der öffentlichen Ordnung und zum Schutze der Bevölkerung des Kreises sind ab 18. Juni 1953 alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und Ansammlungen von mehr als drei Personen auf Plätzen, Straßen und in öffentlichen Gebäuden verboten. Jeglicher Verkehr von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens von Fußgängern und Kraftfahrzeugen ist verboten."
    Während einer stürmischen Versammlung im Karl-Marx-Haus gehen vor dem Betrieb bewaffnete sowjetische Soldaten mit schwerem Gerät in Stellung.
    Die Streikenden verzichten auf eine Demonstration in die Stadt und vermeiden damit vermutlich ein Blutvergießen.

Papierfabrik Hasserode in den 1990er Jahren
- Hochschule Harz
Papierfabrik Hasserode in den 1990er Jahren - Hochschule Harz