Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt

  • Als urkundlich ältester Name wird eine Kirche St. Georgii genannt mit dem Bemerken, dass ihr die erste zinsfreie Hufe gehört, die nun an die Kirche St. Sylvestri übergegangen ist.

Theobaldikapelle
- Stadtarchiv Wernigerode
Theobaldikapelle - Stadtarchiv Wernigerode
  • In der Burgstraße gegenüber der Liebfrauenkirche wird 1418 ein Ritterhof im Besitz der Familie von Schwichelt bezeugt, und zwar "oppe der Egge an der Vorwerkestrade". Später steht dort das Hygiene-Institut.

  • Das spätere Gothische Haus des Zöllners Kurt Cramer wird von, nach einem Ort bei Braunschweig benannten, Familie Hinrik und Katherine Adenbüttel erworben. Für die Übernahme des "Adenbüttelschen Hauses" zeugt die Inschrift, "Das Bauen wär'ne feine Kunst, wenn einer hätt' das Geld umsunst". Später übernimmt Sohn Ludwig Adenbüttel nach dem Tod des Vaters das Haus. Ludwig verstirbt noch vor dem großen Stadtbrand 1528.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 216 - Dezember 1988
"Das Bauen wär'ne feine Kunst, wenn einer hätt' das Geld umsunst." 1430
- Gerhard Bombös
"Das Bauen wär'ne feine Kunst, wenn einer hätt' das Geld umsunst." 1430 - Gerhard Bombös
Hinterstraße
- Stadtarchiv Wernigerode
Hinterstraße - Stadtarchiv Wernigerode
  • In der Saumschelle des aufgestockten Obergeschosses des Rathauses wird die Inschrift "Complet - per - Thomas - Hilleborch - Anno - M - CCCC - XCVIII - Die - viti - buhern - hinr - kimen - h.het" (Vervollständigt von Thomas Hilleborch im Jahre 1498 am Tage St. Veits. Bauherr: Hinrich Kimen , H. Het), eingestochen.

  • Als Rentmeister, oder auch Kanzler genannt, leitet der aus Oberursel kommende jüdische Wilhelm Reifenstein bis zu seinem Tode die gräfliche Verwaltung. Er tilgt die vom Grafen Heinrich geschaffene Schuldenlast und trägt unter Graf Botho dem Glückseeligen, wie dieser schon zu Lebzeiten genannt wird, wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Grafschaft bei. Neben seinem dienstlichen Einkommen von jährlich nur 50 Gulden kam er, vornehmlich durch Beteiligung an Bergwerken, zu Vermögen.
    Er pflegt regen und engen Kontakt mit den Reformatoren Philipp Melanchthon und Martin Luther. Luther und Reifenstein bezeichnen sich als "Schwager".
    "Wechselseitig fährt Melanchthon nach Wittenberg und kommt nach Stolberg, wo er stets im Hause des Freundes am Markt wohnt, wie dort auch Schwager Luther bei seiner Predigt an diesem Ort am 21. April 1525."

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 216 - Dezember 1988 S. 6
  • Am 4. Mai stürmen aufständische Bauern das stattliche Haus am Markt Stolberg und bringen ihren Unwillen gegen den Kanzler Reifenstein im Artikel 3 der dem Grafen vorgelegten 23 Artikel, die dieser sofort genehmigt, zum Ausdruck: "Desglichen wollen wyr auch nit stathen, wey bisher geschen, unsern Renthenmeystern und andern unsern dynnern mit genanthem bergwerg zu handeln, besundern irer Renthery und dienstes, so bey uns in erher lon dynnen und warten."

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 216 - Dezember 1988 S. 6
  • Johann Adenbüttel, Stiftsherr an St. Silvestri, vertritt die Erbansprüche der Kinder seines verstorbenen Bruders Ludwig Adenbüttel, Besitzer des Adenbüttelschen Hauses, späteres "Gothisches Haus". Auf bitten des Rates der Stadt verkauft er nach fünf Vertragsentwürfen am 30. März das Haus im Tausch gegen ein Haus an der Marktecke den bisherigen Besitz der Stadt. Das Haus wird umgebaut. "de teigel neddertolstende in Anebuttels huse", "Kelr zu rumen", "de vacke uthoslande". Die Dachziegel werden abgerissen, der Keller geräumt, die oberen Fachwerkfächer ausgeschlagen.
    Nach neuen Plänen wird jedoch das Spielhaus als neues Rathaus bestimmt.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 216 - Dezember 1988
  • Am 29. März geht die ehemalige "Sylvestrischule" in den Besitz der Stadt über.
    Der Übergabetermin ist der eigentliche Gründungstermin der späteren "Fürst-Otto-Schule".

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - 1938 400 Jahrfeier der Fürst-Otto-Schule
  • Am 2. Februar wird der Plan erwähnt, dass bisherige Spielhaus zum Rathaus zu bestimmen. Das als Rathaus geplante "Adenbüttelsche Haus" steht leer. Wilhelm Curio Reifenstein, reichster Mann der Grafschaft, Sohn Wilhelm Reifensteins übernimmt das Haus.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 216 - Dezember 1988 S. 6
  • Statt Hardenberg, seit 1352, wird die heutige Harburg jetzt Harenberg genannt und befindet sich im Besitz von St. Silvestri. 1660 ändert sich der Name in Harenburgsberg.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 187, 3. Vierteljahr - September 1981
Inschrift am Rathaus - Widmung Thomas Hilleborch
- Stadtarchiv Wernigerode
Inschrift am Rathaus - Widmung Thomas Hilleborch - Stadtarchiv Wernigerode
  • Am 19. Juni gehen die Schüler der Lateinschule zum letzten Mal in ihr altes Schulgebäude am Oberpfarrkirchhof, dem ältesten Schulhaus in Wernigerode, unmittelbar am Turm der Sylvestrikirche.

  • Am 8. November erteilt der regierende Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode dem Pächter der Raths-Apotheke Herrn Johann Georg Möller und dessen Ehefrau das Privilegium, in Nöschenrode eine Apotheke einzurichten. Möller erhält das Privileg eines Hof-Apothekers.

Hirsch-Apotheke in der Burgstraße
© Wolfgang Grothe
Hirsch-Apotheke in der Burgstraße © Wolfgang Grothe
  • Überwiegend reformierte Siedler aus der Pfalz, aus anderen deutschen Landen und den Niederlanden lassen sich in Hasserode heutige Pfälzergasse nieder.
    Die Pfälzermühle unterhalb der Kakemieke entsteht.

Pension "Pfälzer Hof" in der Pfälzergasse 2016
© Wolfgang Grothe
Pension "Pfälzer Hof" in der Pfälzergasse 2016 © Wolfgang Grothe
  • Die "Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt" wird "zum Besten und im Verlage des Wernigeröder Arbeitshauses" aufgrund eines dem Grafen Christian Friedrich überreichten Entwurfs der beiden gräflichen Räte Blum und Wilhelmi gegründet und erscheint zunächst ab 3. Januar im kleinen Format.

  • Der Straßenname im Wortlaut verändert zu "Unter den Zindeln", erscheint erstmals in der Stadt.
    Die frühere lateinische Bezeichnung "cingulum", zu deutsch Gürtel, bezeichnet die Befestigung der Stadt. In einem Innungsbrief an die Krämer 1410 wird die Stadtbefestigung als "czingelen" bezeichnet, sowie in der Stadtordnung "Wernigeröder Willkür" um 1540 als "zcingelen".
    "Unter den Zindeln" beschreibt eine Grünanlage vor der höher gelegenen Stadtmauer. Besonders im Bereich vor dem Westerntor dehnten sich Gärten der Bürger aus.
    1540 dienen sie noch der Verteidigung, da "auf Beschädigung des Rates Zingelen" Strafe ausgesetzt ist. 1529 bessert Zimmermeister Simon Hilleborch "vor de Singeln vor der Nyenstadt" das dort eingebaute hölzerne Pfahlwerk aus.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 214 - Juni 1988 S. 13
Ehemaliges Burgtor von innen vor 1820
- Harzbücherei Wernigerode
Ehemaliges Burgtor von innen vor 1820 - Harzbücherei Wernigerode
  • Das erste Krankenhaus in Wernigerode, vor der Mauer in der Nähe des Dullenturmes, an der späteren Ottostraße, heutige Johann-Sebastian-Bach-Straße, verfügt bei seiner Eröffnung am 20. Dezember über 14 Krankenbetten.

Auf der Harburg 2015
© Wolfgang Grothe
Auf der Harburg 2015 © Wolfgang Grothe
  • Das 1830 in der Nähe des Dullenturmes eröffnete erste Wernigeröder Krankenhaus verfügt 1832 über 30 Krankenbetten in sieben Krankenstuben. Dazu kommt ein Aufenthaltsraum und ein Untersuchungsraum für den Arzt. Über einen eigenen Arzt verfügt das Krankenhaus nicht. Der städtische Armenarzt versorgt das Krankenhaus ärztlich neben seinen sonstigen Diensten.

"Küsters Kamp"
- Fotothek Harzbücherei
"Küsters Kamp" - Fotothek Harzbücherei
  • Laut Urkunde übernimmt Michael Niehoff am 29. April die Krellsche Schmiede "für 975 Thalern in Golde" und ist mit Sorgfalt bemüht, das im süddeutschen Stil errichtete Fachwerk in Ordnung zu halten. Die Außenbalken tragen noch die Inschrift "Ich lasse den lieben Gott walten, er wird mich und die meiningen erhalten. Gott hat es geführt so daß es mir vergnüget. Der Segen des Herrn komme über mein Haus das Uebel von Uebel weiche heraus."
    Seither befindet sich das Haus im Besitz der Familie Niehoff. Schmiedemeister Wilhelm Niehoff, auch Wehrleiter und Oberbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr, stirbt am 10. Februar 1977.

Krellsche Schmiede
- Stadtarchiv Wernigerode
Krellsche Schmiede - Stadtarchiv Wernigerode
  • Durch einen Brand 1833 schwer beschädigt, wird das "Rimbecker Tor" ("Neustädter Tor"), bis auf die Tordurchfahrt, abgerissen. Eines der Stadttore der Stadt, das "Neustädter Tor" wird endgültig abgetragen.

Zwölfmorgental und Harburg um 1800
- Harzbücherei Wernigerode
Zwölfmorgental und Harburg um 1800 - Harzbücherei Wernigerode
  • In den Jahren 1860 bis 1870 entsteht östlich der bisherigen Stadt die Johannisvorstadt (heute: Große Ziegelstraße, Kleine Ziegelstraße, Klara-Zetkin-Straße, Schreiberstraße, Dammstraße), volkstümlich auch als "Jerusalem" bezeichnet.

    In der Johannisvorstadt wohnen als Hauseigentümer oder Mieter überwiegend Arbeiter, die in der sich entwickelnden Industrie, im Baugewerbe und bei der Bahn beschäftigt sind.

In der ehemaligen "Johannisvorstadt" 2015
© Wolfgang Grothe
In der ehemaligen "Johannisvorstadt" 2015 © Wolfgang Grothe
  • 15. Juli bis 14. September: Auf dem Gelände, auf dem heute Gericht und Kreishaus stehen, findet im Sommer eine "Gewerbeausstellung für den Harzgau" statt. 600 Aussteller beschickten die unter dem Protektorat des damaligen Grafen Otto stehende Ausstellung und die mit glänzendem Erfolge abgehaltene Gewerbeschau trug viel zur schnelleren Entfaltung des örtlichen Gewerbelebens bei.

Gelände der zweiten Gewerbeschau 1879
- Dieter Oemler
Gelände der zweiten Gewerbeschau 1879 - Dieter Oemler
Ehemalige Gaststätte "Zur Harburg" 2015
© Wolfgang Grothe
Ehemalige Gaststätte "Zur Harburg" 2015 © Wolfgang Grothe
Kaiser Wilhelm als Gast des Grafen Otto 1883
- Fotothek Harzbücherei
Kaiser Wilhelm als Gast des Grafen Otto 1883 - Fotothek Harzbücherei
  • Am 24. Juni wird in der Liebfrauenkirche die vom berühmten Orgelbaumeister Sauer in Frankfurt/Oder erbaute neue Orgel feierlich eingeweiht. Pastor Rathmann spricht die Weiherede. "Heute steht die Orgel, ein Werk von erfahrener Künstlerhand, vollendet und ergreift die Hörer mit ihren mächtigen Tönen [...] ; es blieb doch wohl kein Herz von den brausenden Tönen, die bis zum leisesten Adagio abschwellten, unberührt."

Sauer-Orgel auf der Westempore
© Wolfgang Grothe
Sauer-Orgel auf der Westempore © Wolfgang Grothe
Pferdekopf an der Krellschen Schmiede
- Stadtarchiv Wernigerode
Pferdekopf an der Krellschen Schmiede - Stadtarchiv Wernigerode
  • Der vordere und höhere Teil des Hohnsteins, im oberen Thumkuhlental in der Nähe "Steinerne Renne" gelegen, wird vom Wernigeröder Harzklub besteigbar gemacht und nach dem Fürsten Otto als "Ottofels" benannt.

Ottofels
- Gerhard Bombös
Ottofels - Gerhard Bombös
Brockenhaus 1935
- Willi Pragher
Brockenhaus 1935 - Willi Pragher
  • Der namenlose das Mühlental eröffnende Platz wird "St.-Theobaldi-Platz" genannt. Später wird der Platz nach dem 1907-1920 leitenden Arzt des Kreiskrankenhauses, Dr. Georg Holfelder, der auch unmittelbar hier wohnte, als "Holfelder Platz" umbenannt.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 214 - Juni 1988 S. 13
  • Fritz L. Brasche *08.09.1881, zuvor Oberkellner im "Weißen Hirsch", kauft das "Hotel zum Lindenberg". Das Hotel heißt nun "Kurhotel Lindenberg". "Vielen alten Pennälern wird dieses schöne Hotel... von Feiern und Bällen her in Erinnerung sein. Die Schülerverbindung Literaria, Turnclub u.a. feierten dort ihre Abschlussbälle. Wer denkt dabei nicht an die Weihnachts- Gymnasiastenbälle, die Abschlussbälle der Tanzschule Oberbach, die Feiern des Tennisclubs."

F. L. Brasche und Ehefrau
- Gerhard Bombös
F. L. Brasche und Ehefrau - Gerhard Bombös
  • Dr. med. Richard Schlichting übernimmt Besitz und Leitung des bisherigen Reservelazaretts Friedrichstraße 13 und richtet dort eine "Privatklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten" ein.

Dr. med. Richard Schlichting starb Februar 1942 mit nur 58 Jahren
- Gerhard Bombös
Dr. med. Richard Schlichting starb Februar 1942 mit nur 58 Jahren - Gerhard Bombös
  • Oberstudiendirektor Professor Paul Menge, *09.04.1876, übernimmt die Leitung des Wernigeröder Gymnasiums, nachdem der Geh. Studienrat Dr. Albrecht Jordan diese am 30. September niederlegte.

Oberstudiendirektor Prof. Paul Menge
- gemeinfrei
Oberstudiendirektor Prof. Paul Menge - gemeinfrei
  • Es gibt noch sechs Böttchereien im Stadtgebiet. Darunter auch Böttcherei Karl Rindfleisch, zugleich Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Böttcherinnung und Schriftleiter der "Böttcherzeitung", im Papental 11.

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - Nummer 214 - Juni 1988 S. 8
  • Die Wernigeröder Schokoladenindustrie hat etwa 1500 Beschäftigte. Zu den bedeutendsten Betrieben der Schokoladenindustrie in Wernigerode gehören die "Ronnenberg AG" im Mühlental 12, die "Ferdinand Karnatzki AG" im oberen Hasserode ("Burgmühle"), die "Ludwig Bauermeister & Co. GmbH" (Mühlental 10) oberhalb der Storchmühle, die "Mauls AG" (Ilsenburger Straße), die "Schokoladenfabrik Walter Hildebrandt" (Breite Straße 54) und die "Konfitüren- und Schokoladenfabrik Theodor Keim" (Breiten Straße 53).

Ehemaliges Kraftwerk Argenta 2016
© Wolfgang Grothe
Ehemaliges Kraftwerk Argenta 2016 © Wolfgang Grothe
  • Am 12. August erfolgt am Fuße des Lindenberges die feierliche Einweihung der modernsten deutschen Kegelsportstätte, nach dem Zweiten Weltkrieg das Lichtspielhaus "Capitol".

  • Wernigerode entwickelt sich immer mehr zu einem deutschlandweit beliebten Tagungsort.
    Zwei größere Tagungen, veranstaltet vom "Reichsdeutschen Blindenverband e.V.", dem Reichsspitzenverband der deutschen Blindenvereine, werden im April in unserer bunten Stadt abgehalten.
    Die erste ist ein Schulungskursus für Leiter von Blindenvereinen und Blindenfürsorgern. 50 Personen, überwiegend Blinde, nehmen daran teil. Die zweite ist die jährliche Verwaltungsratssitzung.

    Die Tagungen finden im Blinden-Erholungs- und Ausbildungsheim Amelungsweg 6 und im "Hotel Lindenberg" statt.

  • Am 27. Mai eröffnet Stadtbaurat Deistel den einige Monate wegen Renovierungsarbeiten geschlossen gewesenen Ratskeller wieder. Der völlig neu entstandene Ratskeller kann sich unter den Ratskellern der deutschen Städte in seiner Eigenart und Aufmachung sehen lassen.

Der neue Ratskeller
© Wolfgang Grothe
Der neue Ratskeller © Wolfgang Grothe
  • Böttchermeister Heinrich Oppermann, Schöne Ecke 26, fertigt 15 Bierfässer für die "Hasseröder Bierbrauerei" als einen seiner letzten Großaufträge.

Böttchermeister Heinrich Oppermann 1933
- Gerhard Bombös
Böttchermeister Heinrich Oppermann 1933 - Gerhard Bombös
  • Der 30. Januar steht in Wernigerode, wie die gleichgeschalteten lokalen Tageszeitungen euphorisch berichten, ganz im Zeichen des ersten Jahrestages der "nationalen Erhebung". Nicht nur auf amtlichen, sondern auch auf fast allen privaten Gebäuden "weht die Fahne der siegreichen nationalen Revolution lustig im Wind", die Hakenkreuzfahne der Nationalsozialisten.

    Die "SA-Formationen und die HJ" versammeln sich "abends nach einem Ummarsch" durch die Stadt und auf dem Marktplatz, wo Standartenführer Blumenstein "in kernigen Worten die Leistungen Adolf Hitlers im vergangenen Jahr" kennzeichnet und "dem Führer mit einem eindrucksvollen SIEG HEIL dankt".

    Zur gleichen Zeit findet in der überfüllten "Sylvestri - Kirche" ein "erhebender nationaler Festgottesdienst" statt, bei dem Superintendent D. Falke die Festpredigt hält.

Am Klint mit Sylvestrikirche
- Stadtarchiv Wernigerode
Am Klint mit Sylvestrikirche - Stadtarchiv Wernigerode
  • Am 2. Januar findet im "Hotel Monopol" eine Sitzung der "Betriebsobleute" (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation - NSBO) aus den Wernigeröder Groß- und Kleinbetrieben unter dem Motto "Die Volksgemeinschaft marschiert" statt. Bis auf wenige Ausnahmen nehmen alle "Obleute" daran teil.

    "Pg. Geye" referiert über das Thema "Richtet nicht wieder Mauern auf zwischen Unternehmer und Mitarbeiterschaft".

    (Mitglieder der NSDAP werden "Pg." - Parteigenosse - genannt.)

  • Der "Führer des Winterhilfswerkes" des Kreises Wernigerode ruft am 7. Januar die "Volksgenossen" (NS-Sprachgebrauch für alle Einwohner/Bürger) dazu auf, nach der Weihnachtspause wieder die festgelegten Sonntage für das "Eintopfgericht" zu berücksichtigen.
    Die NS-Blockwarte sammeln an dem Tag in Sammelbüchsen das durch das Eintopfessen eingesparte Geld und kontrollieren oft gleichzeitig in diesem Zusammenhang die Einhaltung dieses Gebots.
    Das Eintopfessen ist eine vom "Führer und Reichskanzler" Adolf Hitler angeordnete Weisung, um bestehende Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln zu beseitigen.

Werbung für das Winterhilfswerk
- repro Wolfgang Grothe
Werbung für das Winterhilfswerk - repro Wolfgang Grothe
  • Auf der Grundlage des im September 1933 beschlossenen "Reichserbhofgesetzes", die in Gesetzesform gegossene nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie, wird in der Stadt am 13. Januar das "Anerbengericht Wernigerode" eröffnet und Amtsgerichtsrat Grosse als Vorsitzender berufen.
    In der feierlichen Eröffnung wird besonders die "Verbindung von Blut und Boden" hervorgehoben, die "wieder zum Staatsfundament erhoben" wurde und der angestrebten "Verbäuerlichung der Gesellschaft eines Volkes ohne Raum" dienen soll. Des öfteren wird in der Eröffnungsrede betont, dass das perspektivische Ziel der nationalsozialistischen Siedlungspolitik die Besiedlung osteuropäischer Gebiete ist.

Symbol des "Reichsnährstandes"
- gemeinfrei
Symbol des "Reichsnährstandes" - gemeinfrei
  • Am 16. Januar findet im Nöschenröder Schützenhaus die Jahreshauptversammlung des Harzklubs statt.
    Der erste Vorsitzende, Postdirektor i.R. Wendel, begrüßt die Anwesenden und überreicht an drei Mitglieder das Harzklub-Abzeichen für 25 jährige Mitgliedschaft.
    Der Harzklub wird in Zukunft nach dem Führerprinzip organisiert sein. Die Mitgliederversammlung hat einen Führer zu wählen und einen Beirat vorzuschlagen, der vom Führer ernannt werden muss.

  • Die "Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt" wirft am 22. Januar die Frage auf: "Was kosten die Minderwertigen?" und beantwortet sie im Beitrag selbst.

    "Für Geisteskranke, Idioten und Schwachsinnige müssen die gesunden Volksgenossen die Kosten aufbringen... Der Staat gibt für einen Geisteskranken etwa 1000 Reichsmark jährlich aus."

    Und die Schlussfolgerung der Zeitung lautet: "Aber ganz abgesehen von wirtschaftlichen Erwägungen, entspricht es wahrhaft sozialem Verständnis und echt christlicher Nächstenliebe, solch minderwertiges, nur zu Jammer, Elend, Leid und Not bestimmtes Leben zu verhindern."

    Die Leser werden "als verantwortungsbewusste Deutsche" aufgefordert, der "Anzeigepflicht für Erbkranke" nachzukommen.

  • Am 19. Februar trifft auf dem mit Fahnen festlich geschmückten Wernigeröder Reichsbahnhof der erste Urlauber-Sonderzug mit 250 Feriengästen der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" zu einem zehntägigen Aufenthalt ein.
    Zahlreiche Wernigeröder, darunter der Erste Bürgermeister, von Fresenius, entbieten den 250 Gästen aus Hamburg, unterstützt durch eine Blaskapelle, ein freundliches Willkommen.
    Bereitstehende Busse bringen die Feriengäste in die Quartiere nach Sorge, Tanne, Benneckenstein, Hohegeiß und Zorge.

  • Durch verschiedene Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (Verlegung von Trinkwasserleitungen, Straßen- und Wegebau, Schaffung von Wohnraum) gibt es in Wernigerode am Jahresende nur noch 900 Arbeitslose.

  • Am 31. Dezember hat Wernigerode 24 480 Einwohner, ein Zuwachs von 83 Personen in den letzten zwölf Monaten. Im gesamten Jahr fanden 218 Paare den Weg zum Standesamt. Die jüngste Braut war 16 3/4, die älteste 52 Jahre, der jüngste Bräutigam war 20 und der älteste 62 Jahre.

    Im gesamten Jahr wurden 293 Kinder geboren, davon 52 unehelich.

  • Zum Jahreswechsel halten sich 3200 "Kraft durch Freude"-Urlauber in Wernigerode und den Harzorten der Umgebung auf. Die Urlauber kamen bereits Weihnachten in Urlauberzügen aus verschiedenen Gauen.

    Ein Urlauberzug aus Mecklenburg "brachte einige tausend Landarbeiter mit, Kameraden aus ärmlichen Verhältnissen, viele seit Jahren arbeitslos, mit sechs und mehr Kindern. Ihnen hatte KdF ein besonderes Geschenk in Form von Freikarten gemacht und wer sie in diesen Zügen gesehen, der hat in ihren leuchtenden Augen das Glück gefunden, der von der sozialen Großtat der Deutschen Arbeitsfront gerade in die Reihen der Werktätigen hineinstrahlt."

  • Am 5. April findet in den Wernigeröder "Schloß-Lichtspielen" gleich 70 anderen deutschen Städten die Festerstaufführung des Films über den "Reichsparteitag 1934 der NSDAP" "Triumpf des Willens" von Leni Riefenstahl statt.

    Auf Einladung des Kreisleiters der NSDAP nehmen an der Aufführung im mit Blumen und den Fahnen und Symbolen der "Bewegung" geschmückten Saal die "führenden Persönlichkeiten der Bewegung", der Verwaltung, Abordnungen der einzelnen nationalsozialistischen Verbände und viele "Volksgenossen" teil.

  • In Wernigerode findet am 1. März eine "Saar-Rückgewinnungsfeier" mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz, Fackelumzug und "Volksgemeinschaftsabenden" statt.

    "Nach dem Willen des Führers soll der Tag der Heimkehr der Saardeutschen in ihr Vaterland einer der erhebendsten des Jahres 1935 sein. So wie im gesamten Deutschen Reich wird auch Wernigerode diesen Tag mit Anteilnahme der gesamten Bevölkerung festlich begehen."

    (Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt vom28. Februar 1935)

  • Die "Nordhausen-Wernigeroder-Eisenbahngesellschaft GmbH", kurz NWE, testet bei Probefahrten den neu erworbenen Triebwagen mit dieselelektrischem Antrieb.
    Der Triebwagen, der speziell für die Schmalspur und Kurven der Strecke entwickelt wurde, soll in Kürze im fahrplanmäßigen Personenverkehr auf der Strecke Wernigerode - Nordhausen eingesetzt werden.

  • Der Harzklub-Zweigverein Wernigerode tritt am 21. Januar im Saal des Nöschenröder Schützenhauses zur Jahreshauptversammlung zusammen. Nach der Abwicklung der Vereinsformalitäten hält der 1. Schriftführer des Zweigvereins, Walter Looke, einen stark beachteten Lichtbildervortrag zum Thema "Vom Schauen und Erleben zur Harznatur".

  • "SA marschiert ins neue Jahr."

    Unter diesem Motto veranstaltet der SA-Sturmbann Wernigerode am 4. Januar im großen Saal des Kurhauses "Stadtgarten" einen großen Konzertabend.
    "Der Abend soll im Zeichen echter Volksverbundenheit stehen und neben allen Gliederungen der Partei auch die Vereine und Verbände usw. mit der SA zusammenführen. Alle Volksgenossen sind zu diesem Abend herzlich willkommen."

  • In der Sylvestrikirche findet am 30. Januar ein Festgottesdienst zur Feier der Machtergreifung statt. Superintendent Gensichen hält die Festpredigt. Alle "evangelischen Volksgenossen" sind dazu eingeladen.

  • Für den 29. März sind die Einwohner zur Reichstagswahl aufgerufen. Es gibt nur eine Einheitsliste mit Parteigenossen der NSDAP. Von 52 016 abgegebenen Stimmen im Wahlbezirk Kreis Wernigerode entfallen 51 504 "auf den Führer", 512 stimmen "gegen die Liste". Im Stadtgebiet stimmen von 17 002 Wählern 16 661 "für den Führer".

    Der stellvertretende Gauleiter, Staatsrat Eggeling, schreibt "anläßlich des überwältigenden Sieges an den Führer und Reichskanzler: Volksgenossen und Parteigenossen des Gaus Magdeburg-Anhalt grüßen und beglückwünschen Sie, mein Führer, zu diesem Ihrer größten Siege [...]".

  • Die "Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt" widmet am 24. Februar der "Zuchthausstrafe für einen Rassenschänder" einen ausführlichen Artikel.

    Nach der Anzeige durch den Wernigeröder SA-Mann Ernst P. einer "rasseschänderischen Beziehung" wurde der jüdische Kaufmann Max Kirchstein aus der Breiten Straße festgenommen und "einer gerechten Bestrafung zugeführt". Kirchstein habe in "echt jüdischer Gerissenheit und Gemeinheit" die "Notlage der deutschblütigen" Erna L. "in gemeinster Weise ausgenutzt, um an einer deutschen Frau seine Lust zu fröhnen".
    Grundlage der Zuchthausstrafe von zwei Jahren ist das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935. Nach der Haftentlassung Kirchsteins aus der Strafanstalt Kassel-Wehlheiden verliert sich seine Spur. Sein Name erscheint noch einmal 1942 auf einer Liste Berliner Juden im Ghetto Riga.

  • Wie überall im Deutschen Reich wird auch in Wernigerode der Tag der Machtübernahme 1933 durch die NSDAP als Erinnerungstag begangen. In den frühen Morgenstunden des 30. Januar werden die "Wernigeröder Volksgenossen" durch "Hörnerklang einer SA-Einheit geweckt".
    In den Vormittagsstunden "stehen die Schaffenden an ihrem Arbeitsplatz, an dem Arbeitsplatz, den ihn der Führer erhalten oder neu geschaffen hat".
    Ab 13 Uhr begeben sich, angeführt durch den "Betriebsführer, alle Gefolgschaftsleute" in vorher festgelegte Veranstaltungsräume, Gaststätten, Kinos u.a., "um gemeinsam die Übertragung der Rede des Führers im Radio anzuhören". Zeitzeugen berichten später, dass während der Übertragung der Rede die Plätze und Straßen der Stadt menschenleer waren.
    Der Abend endet mit einem Fackelumzug der SS,SA,"politischen Leitern", AF, HJ und BDM.
    Die "Parteigenossen der NSDAP" kommen abends im "Stadtgarten" zu einem "Kameradschaftsabend" zusammen.

  • Am 20. Januar findet im Saal des Stadtgartens eine NSDAP-Kundgebung statt, die "wieder das gewohnte Bild einer Massenversammlung hat. Den Hunderten und aber Hunderten Volksgenossen bereitete der Redner des Abends, der Stoßtruppredner Straßweg, eine Feierstunde, die noch lange nachklingen wird."

    Die nationalsozialistische Revolution sei zu einer Herzensangelegenheit der Deutschen geworden. Wörtlich führte der Redner aus: "Unser Weg ist uns aus göttlicher Naturordnung gewiesen und führt uns zu den Gesetzen der Rassenreinheit und des Ausleseprinzips, die wertvoller sind als das Dogma jener, die wenig überhatten für das Gesunde und Starke [...]. So stehen wir am Beginn eines gewaltigen Geistesringens und eines gigantischen Kampfes. Es geht um die Zusammenballung aller völkischen Kraft, um die Stunde unserem Volk zu bereiten, da wir Raum und Brot genug haben für Kind und Kindeskind."

  • Bei herrlichstem Winterwetter und entsprechenden Schneeverhältnissen findet am 6. März mit dem "Brocken-Abschlußlauf" über 18 Kilometer die letzte ski-sportliche Großveranstaltung des Harzes der Saison 1937/38 mit einer Rekordbeteiligung von über 300 Sportlern statt.

    Neben allen einheimischen Gau-Vereinen hatten auswärtige Gau-Vereine die günstige Gelegenheit ergriffen und zahlreiche Teilnehmer entsandt.

  • Am 10. April sind die Wernigeröder und andere sich hier aufhaltende Reichsbürger zu einer "Volksabstimmung und Wahl des Großdeutschen Reichstages" aufgerufen. Es geht um die Zustimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Großdeutschen Reich und ein Bekenntnis zur "Friedenspolitik des Führers". Seit vielen Tagen rufen in der Presse "Betriebsführer und Gefolgschaften dazu auf, dem Führer freudig ihr Ja zu geben".

    Die Stadt ist in 13 Stimmbezirke eingeteilt.

    Bereits um 7:00 Uhr werden die Bewohner durch Spielmannszüge der SA und Hitlerjugend geweckt. Die Blockwarte der NSDAP sorgen mit "Wahlhelfern" dafür, dass die Wahlberechtigten frühzeitig ihre Stimme abgeben. "Sämtliche Gliederungen der Partei stehen für den Wahldienst zur Verfügung".

Aufruf der Betriebsführung und Gefolgschaft der Leichtmetallwerke Rautenbach, dem Führer das "Ja" zu geben.
© Wolfgang Grothe
Aufruf der Betriebsführung und Gefolgschaft der Leichtmetallwerke Rautenbach, dem Führer das "Ja" zu geben. © Wolfgang Grothe
  • Am 11. April werden die Endergebnisse der Volksabstimmung vom 10. April bekannt gegeben. Bei einer Wahlbeteiligung von 99,8 Prozent in Wernigerode gaben 17.094 Wähler dem "Führer ihr Ja!". Das sind 99,4 Prozent der abgegebenen Stimmen. 328 Wähler stimmten mit Nein und 41 Stimmen waren ungültig.

  • Der Magdeburger Unternehmer Rudolf Kindermann informiert "die verehrliche Einwohnerschaft von Wernigerode", dass am 14. April die "Storchmühle" wieder eröffnet wird.

    "Das rühmlichst bekannte Orchester Eddy Dittke ist für die Storchmühle fest verpflichtet."

Storchmühle
- Stadtarchiv Wernigerode
Storchmühle - Stadtarchiv Wernigerode
  • Am Sonntag, dem 13. März gibt es im "Stadtgarten" wieder, diesmal von der Wehrmacht gekochtes, "Eintopfessen". Der "Eintopfsonntag" fällt dieses Jahr mit dem "Heldengedenktag" zusammen.

    "Heldengedenktag aber ist Mahnung an den Opfergang von zwei Millionen deutscher Väter und Söhne für des Vaterlandes Ehre und Freiheit."

  • Am 15. Juni findet auf dem Anger der "Jugendluftschutztag der HJ" statt. "Scharführer" Offszanka erläutert in einer Ansprache Sinn und Zweck des Einsatzes der Jugend für den Luftschutzdienst.

    "Luftschutzdienst ist eine Angelegenheit des gesamten Volkes, und das heißt, dass dabei auch der Jugend beiderlei Geschlechts eine wichtige Aufgabe zugewiesen ist."

    Der aus Schülern der Mittelschule zusammengestellte Luftschutzzug der HJ zeigte dann Übungen mit Gasmasken.

  • Wenn die Mitglieder der Hitlerjugend das 18. Lebensjahr erreicht haben, verlassen sie überall im "Dritten Reich" deren Reihen und treten in die Männerbünde der NSDAP, in die SA oder in die SS oder andere nationalsozialistische Organisationen ein. Am 11. Oktober werden alle 18jährigen Hitlerjungen aus Wernigerode eingegliedert. Die "Überweisung" erfolgt wie üblich in "einer weihevollen Feierstunde" in Anwesenheit der in Frage kommenden Gliederungen durch den "Hoheitsträger der Partei". Mit dem Vorbeimarsch in der Burgstraße endet die Feier.

  • Die jüdische Firma "Sally Lewy" in der Breiten Straße 44 in Wernigerode wird "arisiert".

    Für die Wernigeröder Zeitung beginnt am 20. September mit der "Arisierung der jüdischen Geschäfte [...] für die Wirtschaftsgeschichte unserer Stadt ein neuer Abschnitt".

    Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt - "Nun endlich Schluß mit jüdischer Geschäftemacherei in unserer Stadt" 14.09.1938
Breite Straße 44
© Wolfgang Grothe
Breite Straße 44 © Wolfgang Grothe
  • Am 24. Oktober findet im "Stadtgarten" von Wernigerode eine Mitgliederversammlung der NSDAP mit der "Verpflichtung von 550 neuen Parteigenossen auf den Führer und seine Bewegung" statt. Ortsgruppenleiter Erichsen richtet an die Versammelten eine kurze Ansprache, in der er die "Bedeutung einer solchen Verpflichtung unterstreicht und besonders die Erkenntnis betont: Nichts ist ohne die Partei!

    Jeder einzelne ist der Träger des Glaubens und des Willens des Führers und als solcher verpflichtet zu tatkräftigem Einsatz und Disziplin".

  • Vom Oberverwaltungsgericht bei der Regierung in Magdeburg wird am 4. August der Antrag der Papierfabrik Marschhausen in Wernigerode-Hasserode auf Wiederaufnahme der Produktion von Strohpappe abgelehnt.

    Dem Rechtsstreit waren langjährige Diskussionen in der Öffentlichkeit vorausgegangen.

    Begründet wird jetzt die Ablehnung mit zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die Wasserqualität des Stillen Wassers durch Abwässer sowie auf die Wohnqualität in einem Villenvorort.

  • Im Stadtgartensaal findet ein Festakt zur 400-Jahrfeier der Fürst-Otto-Schule statt.

    Die Schule war am 29.03.1538 aus kirchlichem Besitz in den Besitz der Stadt übergegangen.

  • Am 10. Februar werden die Einwohner von Wernigerode darüber informiert, dass wie überall im Deutschen Reich Lautsprechersäulen an den Straßen und auf öffentlichen Plätzen als eine "neue Maßnahme zur Volksführung" aufgestellt werden.

    "Das große Geschehen unserer Zeit wird vom ganzen Volk mit Freude, Stolz und leidenschaftlicher Anteilnahme miterlebt. Nie zuvor war die Volksgemeinschaft von einem solchen begeisterten Miterleben beseelt."

    Deshalb ist es nach Auffassung der nationalsozialistischen Propagandisten zu wünschen, dass auch alle "Volksgenossen" an den großen Ereignissen und machtvollen Kundgebungen teilnehmen können.

  • Am 21. Dezember finden auch in Wernigerode erstmals "Sonnenwendfeiern", auf dem Marktplatz mit der SA, anderen nationalsozialistischen Organisationen und "politischen Führern" und im Kastanienwäldchen mit der HJ und dem "Jungvolk", statt.

  • Am 9. April begeht Wernigerode den "Tag des großdeutschen Reiches". Reichspropagandaminister Dr. Göbbels hatte dazu aufgerufen, diesen Tag überall im "Großdeutschen Reich" zu begehen und mit einem "Gemeinschaftsempfang der Führerrede" zu verbinden.

    In Wernigerode werden unter verantwortlicher politischer Führung von Sturmführer Koppe, Scharführer Bombös und Obersturmführer Hahn drei Marschsäulen gebildet, die auf festgelegten Marschwegen in vorgesehenen Sälen den "Gemeinschaftsempfang der Rede des Führers Adolf Hitler" ermöglichen.

    Zum Abschluss vereinen sich abertausende Wernigeröder Mitglieder aller nationalsozialistischen Gliederungen, Verbände und Vereine zu einem Fackelzug.

  • Am 21. August kommt die "Alte Garde des Führers" mit der Brockenbahn auf dem Westerntor-Bahnhof an. Von dort geht es durch die Westernstraße, am Markt vorbei durch die Breite Straße weiter nach Halberstadt.

    Bürgermeister Fresenius und der Ortsgruppenleiter der NSDAP Erichsen hatten die Bevölkerung aufgerufen, die betreffenden Straßen und Plätze zu beflaggen.

    Die Spalierbildung aller Einheiten und die Blumenübergabe an die "alten Kämpfer" durch die Mitglieder des BDM und JM sowie der NS-Frauenschaft per Dienstbefehl ist straff organisiert.

  • Am 25. Oktober informieren der Kreisleiter und der Ortsgruppenführer der NSDAP, dass am 27., 28. und 29. Oktober alle Männer aus Wernigerode der Jahrgänge 1884 bis 1928, soweit sie noch nicht Teil der Landesverteidigung sind, in vorgeschriebenen Räumen zum Volkssturm erfasst werden.
    Männer über 60 Jahre können sich freiwillig melden.
    "Der Führer hat den deutschen Volkssturm ausgerufen!"

    Das erscheinen ist Pflicht. Nichterscheinen ohne begründete Entschuldigung wird nach den Kriegsgesetzen bestraft.

  • Am 9. September findet in Wernigerode eine Kundgebung unter Beteiligung der Wehrmacht und eines Wehrmachtmusikkorps statt, zu der ein Obergebietsführer aus der Reichsjugendführung spricht. Die Wernigeröder Kriegsfreiwilligen aus der Hitler-Jugend (HJ) werden in Anwesenheit der Eltern von der Wehrmacht übernommen.
    "Die Krönung allen HJ-Dienstes ist heute mehr denn je der Tag, da das Braunhemd mit dem Ehrenkleid der Wehrmacht vertauscht werden kann. Es ist der Stolz jeden rechten Jungen, schon möglichst früh in die Reihen der Kameraden eintreten zu dürfen, die mit der Waffe in der Hand für Führer, Volk und Vaterland kämpfen."

Gefallenen-Anzeigen in der Wernigeröder Zeitung vom 9. September 1944
© Wolfgang Grothe
Gefallenen-Anzeigen in der Wernigeröder Zeitung vom 9. September 1944 © Wolfgang Grothe
ursprüngliche Ruhestätte für 8 Deutsche Soldaten, das Kreuz von Oberst Petri in der Mitte - 1945
- Stadtarchiv Wernigerode
ursprüngliche Ruhestätte für 8 Deutsche Soldaten, das Kreuz von Oberst Petri in der Mitte - 1945 - Stadtarchiv Wernigerode
  • Der in Köln geborene Landrat Erich von Stosch stirbt am 17. Januar. Er diente in einer ungewöhnlich langen Amtszeit vom Juli 1912 bis Juli 1944 in drei unterschiedlichen Regierungsformen, "dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und der Aera Hitler".

Landrat Erich von Stosch
- Gerhard Bombös
Landrat Erich von Stosch - Gerhard Bombös
  • 29. Januar: Eisenbahndirektor Eduard Scharnhorst "Vater" der Harzquer- und Brockenbahn, stirbt im Alter von 69 Jahren in seiner neuen Wahlheimat Oldenburg.
    Am 1. April 1918 übernahm er einen Direktionsposten bei der Nordhausen- Wernigerode- Eisenbahn (NWE) und trägt in den Folgejahren durch sein weitsichtiges, innovatives Handeln erheblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Bahnen bei.

Direktor Scharnhorst
- Gerhard Bombös
Direktor Scharnhorst - Gerhard Bombös
  • 24. Juni: Dr. med. Otto Jacobi, heute noch voll berufstätig, wird 85. Er begeht zu dieser Zeit außerdem sein 55. Dienstjubiläum als praktischer Arzt.

Dr. med. Otto Jacobi
- gemeinfrei
Dr. med. Otto Jacobi - gemeinfrei
Forstmeister Otto Hermanns
- Gerhard Bombös
Forstmeister Otto Hermanns - Gerhard Bombös
  • 3. Dezember: Karl Burchhardt wird 60. Er beginnt 1911 bei Heinrich Ackert als Automechanikerlehrling und wird später Fahrlehrer. "Sein gutmütiges, freundliches Wesen, das aber auch, wenn es sein mußte, in Derbheit und Schnoddrigkeit umschlagen konnte, machte ihn zu einem in Stadt und Kreis Wernigerode besonders beliebten Fahrlehrer." "Im Laufe der 20er und 30er Jahre unterrichtete Hunderte von Schülern."

Fahrlehrer Karl Burchhardt
- Gerhard Bombös
Fahrlehrer Karl Burchhardt - Gerhard Bombös
  • E. C. Uehr *08.12.1881, Inhaber eines Delikatessengeschäfts und der späteren "Bothes Weinstube", wird 75. Als fürstlicher Hoflieferant beliefert er die Gala-Essen bei den zu Ehren des deutschen Kaiser abgehaltenen Jagden. Seit 1925 leitet er als Branddirektor die Feuerwehr der Stadt Wernigerode. Er sorgt für die Motorisierung der Fahrzeuge sowie für die Modernisierung der Alarmanlagen und bildet einen im Gerätehaus untergebrachten Einsatztrupp. Als die Stadt bombardiert wurde, erhielt Uehr die Meldung, dass auch sein Haus am Nicolaiplatz zerstört sei.

E.C. Uehr
- Gerhard Bombös
E.C. Uehr - Gerhard Bombös
  • Zwischen dem 10. und 15. Juni wird der Kreis Wernigerode von folgenschweren Wolkenbrüchen und Orkanen heimgesucht. Benneckenstein erlebt am 10. Juni das schwerste Hochwasser seit Menschengedenken. Es werden 100 Liter pro qm registriert. Das Wasser steht teilweise im Stadtgebiet 1,20 m hoch. Der Wasserstand der Ilse von über 2 Meter verursacht in Ilsenburg, Wasserleben und Veckenstedt große Schäden. Die Reichsbahnstrecke Halberstadt-Ilsenburg, Streckenabschnitte der Harzquerbahn und einige Straßenabschnitte sind blockiert. 3000 Festmeter Bäume fallen dem Orkan zum Opfer.

  • Das Heizhaus des "VEB Metallgußwerk" versorgt 18 Betriebe mit Fernwärme, darunter die "Hasseröder Brauerei", das Kreiskrankenhaus, "Heiko" und die "Volksschwimmhalle". Durch die Nutzung von Kohlenruß und Rohkohle, die andere Betriebe nicht verwenden können, ist eine jährliche Einsparung von 3000 Tonnen Rohbraunkohle und Koks möglich.