Ralf Mattern - "Vom Kaiser-Panorama zum Filmpalast" - Die Wernigeröder Kinogeschichte ab 1897

  • Am 6. September wird eine "Filiale des im In- und Auslande berühmt gewordenen Kunstinstitus Kaiser-Panorama Berlin Passagen im Haus Markt 9 eröffnet" und schließt wieder am 10. Oktober 1908.

    Ein Kaiser-Panorama funktioniert wie folgt: Bis zu 25 Personen gleichzeitig können gleichzeitig stereoskopische Bilderserien durch ein Guckloch betrachten. Im Panorama befindet sich ein Zahnkranz, auf dem 50 Glasdias befestigt sind, die von der Rückseite her automatisch durch Gas- oder elektrisches Licht durchleuchtet werden. Der Antrieb erfolgt in der Regel automatisch durch ein Uhrwerk. Nach Ertönen eines Glockenschlages werden die Bilder um eines weiter gerückt. Mit der neuen Technik der Kinomatographen können die Kaiser-Panoramen nicht mehr mithalten und verlieren die Gunst des Publikums.

  • Am 7. November eröffnet der "Salon-Kinematograph Germania" mit knapp 200 Sitzen "im vollständig neurenovierten Saal" des "Etablissements Stadt Stolberg", der heutigen Gaststätte "Zur schönen Ecke" seine Türen. Der "ständige Kinematograph ersten Ranges", der Albert Vogeler (1860-1931) gehört, wirbt mit "erstklassigen Bildern in naturgetreuen Aufnahmen". Durch das "wöchentlch zweimal wechselnde Programm" würde eine "lehrreiche und höchstinteressante Vorstellung" geboten, heißt es in der Zeitungsanzeige zum Tag der Eröffnung. Das "Germania" wird bis 1922 existieren. Albert Vogeler ist somit der Erste aus dem heutigen Wernigerode, der ein Kino eröffnet, das regelmäßig, täglich und auf Dauer Filme zeigt.

  • Am 4. April findet in Nöschenrode im "Zur Stadt Stolberg im renovierten, eigens dazu hergrichteten Saale die große Eröffnungs-Vorstellung des Elektro-Kinematographen-Kolosseum" statt. Geplant ist eine "Dauervorstellung während der Osterfeiertage" - um danach "Vorstellungen dauernd zu veranstalten". Tatsächlich hält sich das "Kolosseum" einen guten Monat mit kinematographischen Darbietungen, die samstags und sonntags zu sehen sind. Am 15. Mai 1909 erscheint die letzte Programmankündigung.

  • Am 31. Oktober, "nachmittags um 3 Uhr", kann in Nöschenrode das "vornehmste Theater lebender und sprechender Photographien im Hotel Goldener Hirsch (parterre)" besucht werden. Der "Goldene Hirsch" befindet sich in der Kaiserstraße 4, heute Nöschenröder Straße 4.

    "Direktor M. Kießig", der auch in anderen Orten Kinos besitzt, führt "bis abends um 11 Uhr ununterbrochen" mit seinem "Welt-Kinematograph" ein "Weltstadt-Programm" auf, wie es in einer Zeitungsanzeige heißt. Damit ist "Kießigs Welt-Kinematograph" das erste Kino zwischen Zillierbach und Holtemme, das dauerhaft und mehr als ein- bis zweimal wöchentlich das Publikum mit Filmen aus allen Bereichen anlocken will. Jedoch hält sich diese Kino wohl nur bis Ende des Jahres.

  • Wernigerode wird Filmstadt. Das "Wernigeröder Tageblatt" schreibt am 26. September: "Die Filmaufnahmen der Oper ´Martha´ haben heute mit der Marktszene begonnen. Unser Markt hatte dazu ein festliches Gewand angelegt und die mitwirkenden Personen (Ratsherren, Landsknechte, Bürger und Bürgerinnen) in ihrer malerischen Pracht gaben ihm ein anmutiges Gepräge. Viele Zuschauer verfolgten die Szene mit lebhaftem Interesse. Die übrigen Szenen im Christianental und im Lustgarten werden im Laufe dieser Woche aufgenommen".

  • Der Nöschenröder Kino-Pionier Albert Vogeler zieht sich aus seinen 1909 gegründeten "Germania-Lichtspielen" zurück und übergibt das Kino an der Schönen Ecke am 15. Juni seinem Nachfolger und langjährigen Konkurrenten Wilhelm Böhling, dem die "Schloss-Lichtspiele" (heute "Volkslichtspiele") gehören. Ab Mitte Februar 1922 lassen sich keine Programmankündigungen mehr für die "Germania-Lichtspiele" finden.

  • Am 12. Mai eröffnen die "Kammer-Lichtspiele" ihre Pforten in der Burgstraße 1. Als Inhaber wird Otto Budt (1872-1937) genannt. Das Etablissement startet laut Anzeige seinen "Eröffnungs-Spielplan" am 13. Mai mit "dem schönsten und größten Filmwerk aus der Zeit der Kreuzzüge" - "Nathan der Weise" in einem Vorspiel und 6 Akten mit einem Heer von 40.000 Mitwirkenden, dazu die beiden entzückenden Lustspiele "Uschi studiert eine Rolle" und "Er"; außerdem: "Wernigerode im Film". Damit gibt es nach der Schließung der "Germania-Lichtspiele" im Jahr zuvor und den "Schloss-Lichtspielen" (heute: "Volkslichtspiele") wieder zwei Kinos in Wernigerode.

  • Die "Kammer-Lichtspiele" in der Burgstraße 1 ändern ihren Namen in "Capitol-Lichtspiele", wohl durch den neuen Inhaber. Der Geschäftsmann Rudolf Heinicke aus Freital übernimmt das Kino. Nach einer Umbaupause inseriert dann Heinicke, dass die ehemaligen "Kammer-Lichtspiele" am 8. Juli als "Capitol-Lichtspiele" neu eröffnet werden. Für 16:00 Uhr wird der brandneue 96-minütige Tonfilm "Zwei Herzen im Dreivierteltakt" angekündigt.

  • Auf der Sitzung der Wernigeröder Stadtverordneten am 4. Mai wird bekannt gegeben, dass sich der Pächter des "Stadtgartens", die Eheleute Kindervater, per "Zusatzvertrag" verpflichtet haben, "auf ihre Kosten die Kegelsporthalle zu einem modernen Lichtspieltheater auszubauen".

    Dafür würde die Stadt bei der Erhebung der Pacht für den Stadtgarten den Kindervaters entgegenkommen. Möglicherweise kam es jedoch zu einem Zerwürfnis, denn noch 1946 beauftragt Stadtbaurat Willi Deistel den Architekten Wenner, die Kegelhalle zu einem Kino auszubauen.