Wernigerode im Jahr 1935

  • Zum Jahreswechsel halten sich 3200 "Kraft durch Freude"-Urlauber in Wernigerode und den Harzorten der Umgebung auf. Die Urlauber kamen bereits Weihnachten in Urlauberzügen aus verschiedenen Gauen.

    Ein Urlauberzug aus Mecklenburg "brachte einige tausend Landarbeiter mit, Kameraden aus ärmlichen Verhältnissen, viele seit Jahren arbeitslos, mit sechs und mehr Kindern. Ihnen hatte KdF ein besonderes Geschenk in Form von Freikarten gemacht und wer sie in diesen Zügen gesehen, der hat in ihren leuchtenden Augen das Glück gefunden, der von der sozialen Großtat der Deutschen Arbeitsfront gerade in die Reihen der Werktätigen hineinstrahlt."

  • Die "NSDAP" übernimmt das Gebäude in der Burgstraße 37 als Parteihaus, im Volksmund als "Braunes Haus" bezeichnet.

  • Die "NS-Frauenschaft" zieht in das ehemalige Gebäude, später "Palmiro Togliatti", der verbotenen Freimaurerloge in der Bahnhofstraße 16 und eröffnet dies als "Haus der deutschen Frau".

  • Die "Fa. Rautenbach" aus Solingen (Leichtmetallgießerei und Modellbau) siedelt sich mit mehreren Firmen, am bekanntesten die Rautalwerke, in Wernigerode an. Die Stadt hatte aus der Konkursmasse das Gelände der ehemaligen Waggonfabrik sehr billig gekauft und kann es dadurch schnell und kostengünstig zur Verfügung stellen. Bürgermeister von Fresenius ist der Meinung, dass die Stadt nicht nur vom Tourismus leben kann und Industrieansiedlungen notwendig sind. Gegen Industrieansiedlungen gibt es aber Widerstände der Tourismuswirtschaft.

  • In Wernigerode findet am 1. März eine "Saar-Rückgewinnungsfeier" mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz, Fackelumzug und "Volksgemeinschaftsabenden" statt.

    "Nach dem Willen des Führers soll der Tag der Heimkehr der Saardeutschen in ihr Vaterland einer der erhebendsten des Jahres 1935 sein. So wie im gesamten Deutschen Reich wird auch Wernigerode diesen Tag mit Anteilnahme der gesamten Bevölkerung festlich begehen."

    (Wernigeröder Zeitung und Intelligenzblatt vom28. Februar 1935)

  •  Mit dem Bau der Tünneckensiedlung, vorwiegend für kinderreiche Familien von Kriegsveteranen, wird begonnen.

  • Am 5. April findet in den Wernigeröder "Schloß-Lichtspielen" gleich 70 anderen deutschen Städten die Festerstaufführung des Films über den "Reichsparteitag 1934 der NSDAP" "Triumpf des Willens" von Leni Riefenstahl statt.

    Auf Einladung des Kreisleiters der NSDAP nehmen an der Aufführung im mit Blumen und den Fahnen und Symbolen der "Bewegung" geschmückten Saal die "führenden Persönlichkeiten der Bewegung", der Verwaltung, Abordnungen der einzelnen nationalsozialistischen Verbände und viele "Volksgenossen" teil.

  • Aus der "Burgmühlen-Schokoladenfabrik GmbH" geht die "Argenta Schokoladenfabrik AG" hervor.

Ehemalige Firma "Argenta"
- Dieter Oemler
Ehemalige Firma "Argenta" - Dieter Oemler
  • Gegen den "Bäcker Friedrich Bilsing, geb. am 28.September 1900, wohnhaft in Hasserode, Friedrichstraße 85, wird Strafanzeige erstattet", weil er "im Oktober 1935 den Vater der erbkranken...(Namen liegen vor)...gegen das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses aufgewiegelt" hat.

    Widersprüche oder gar Kritik gegen Entscheidungen der Erbgesundheitsgerichte werden nicht akzeptiert und im schlimmsten Fall mit polizeilichen Maßnahmen geahndet.

    Die oben erwähnte Tochter hatte am 22. Januar 1935 vom Kreisarzt (Tgb.-Nr. 621) eine Mahnung erhalten: "Nachdem das Erbgesundheitsgericht Halberstadt Ihre Unfruchtbarmachung beschlossen hat, werden Sie hiermit aufgefordert, den Eingriff innerhalb zwei Wochen vornehmen zu lassen."

  • Die von der Transatlantischen Handels- und Aktiengesellschaft übernommenen "Marmorwerke Berlin" stellen in Hasserode den Bertrieb ein.

  • Die um 1901 erbaute Fabrikantenvilla Am Eichberg 9 wechselt in den Privatbesitz des Wernigeröder Rechtsanwalts Jacob Momsen. Momsen lässt an den beiden Klinkerpfeilern des Torweges Kupfertafeln anbringen mit dem Reliefbild einer Eule mit der Inschrift "Uhlenhorst". 13 Eulen sollen im parkähnlichen Garten wohnen.

  • Der Landrat weist am 28. Dezember den Leiter der Wernigeröder Polizeibehörde "im Auftrage des Regierungspräsidenten" an, "gegen Leute, die das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses sabotieren, mit aller Schärfe vorzugehen".

    Stadtarchiv Wernigerode - Geheime Tagebuchnummer der Wernigeröder Polizeibehörde 1299